Social Media Nachhilfe Nachts um halb Eins

 Kategorie: Social Media

Wer, wie ich, Sonntagnacht etwas länger wach geblieben ist, hat vielleicht auch in die beiden NFC und AFC Conference Championship Spiele reingeschaut. Am Ende gewannen die New England Patriots (23-20 gg Baltimore Ravens) und die New York Giants (20-17 gg San Francisco 49ers).
Manch einer findet vielleicht, dass es sich nicht lohnt sich solange wach zu bleiben. Einerseits wegen der Zeitverschiebung, andererseits auch weil die Spiele rund 3-4 Stunden dauern, außerdem gibt es alle paar Minuten Werbung etc. Das ist zwar alles nicht falsch, gelohnt hat es sich aber allemal. Erstens war es sau spannend und zweitens kann man im amerikanischen Fernsehen einiges lernen.

Was mir als erstes aufgefallen ist: die Einbindung von Social Media in das tägliche Leben ist dort sehr viel weiter, als bei uns. Bei welcher deutschen Sendung hat man denn zum Beispiel eine Liveeinblendung des Twitterstreams des entsprechenden Hashtags?
Was aus meiner Sicht beim letzten Eurovision Song Contest sehr unterhaltsam gestartet ist – und das ausgerechnet beim Rentnersender ARD – konnte sich leider nicht durchsetzen.

Auch die Diskussionen über die Spiele finden fast ausschließlich über Twitter statt. Im Wildcard Game der Broncos gegen die Steelers wurde beispielsweise ein neuer Rekord gebrochen. Der 80 Yards-Pass von Tim Tebow in der Verlängerung zum Sudden Death des Favoriten aus Pittsbergh, löste 9420 Tweets aus. Pro Sekunde. Zum Stellenwert von Football in der amerikanischen Gesellschaft: der Tod von Osama Bin Laden führte „lediglich“ zu 5106 Tweets/Sekunde.

Auf solche Werte kommt man natürlich nicht einfach so. Neben der einfachen Möglichkeit kostenlos und zur besten Sendezeit im Fernsehen aufzutauchen hilft auch die völlige Selbstverständlichkeit mit der die Twitterhandles (die Namen der Twitterprofile) von Reportern und Sportlern gezeigt werden dabei, die Diskussion anzukurbeln.

Gerade in Mainstream-Bereichen wie Football oder Fußball, sind wir in Deutschland davon noch meilenweit entfernt. Hier ein kleiner Vergleich der beiden Super Bowl Teilnehmer mit den beiden erfolgreichsten deutschen (Fußball-)Vereinen (Stand 23.01.2012 – 17 Uhr):

  • Patriots: 284.982 Follower
  • Giants: 197.968 Follower
  • Bayern München: 39.366 Follower
  • Borussia Dortmund 31.027 Follower

Während wir hier noch Vereine folgen um auf dem Laufenden zu bleiben, kann man als Patriots Fan nach einem genervten Tweet auch schon mal Tickets für die Divisionals inkl. Flugtickets geschenkt bekommen. Mal abgesehen davon, dass man damit einem Fan eine Riesenfreude macht, berichten hunderte Nachrichtenseiten und Fanblogs über die Aktion. Besser geht PR nicht. Und dabei geht es um einen der unbeliebtesten Spieler der NFL.

Auch Facebook kommt im amerikanischen TV natürlich nicht zu kurz. Dies aber fast ausschließlich zu Werbezwecken. In fast jedem der teilweise sehr aufwändigen Werbespots wird eine besondere Aktion auf der Facebook Fanpage beworben. Letztes Jahr waren es noch Gewinnspiele, die die User zu den Fan Pages von Ford, Subway, Taco Bell, Sprint oder Verizon locken sollten. Das Gewinnspiele 2012 niemanden mehr interessieren, verdeutlichen die neuen Kampagnen zu den diesjährigen Playoffs:

  • Taco Bell: Party Foulers – Nervige Party Gäste identifizieren, QR Code speichern und kostenlos zusätzliche ESPN (Pay TV Sportsender) Inhalte zu sehen bekommen. Ohne die eigenen Produkte billiger anbieten zu müssen.
  • Verizon Wireless: Hier kann man sich sein neues Handy aussuchen, sich direkt dazu von seinen Freunden und der Verizon Community beraten lassen. Man kann über die App zum Beispiel Polls starten, bei denen deine Freunde gefragt werden, welches Handy du dir kaufen sollst.
  • Subway: Die Fastfood Kette mit den weltweit meisten „Restaurants“ bietet auf der Fanpage vor allem drei Dinge an: Angebote/Coupons, virale Videos und die Möglichkeit einem Facebook Freund zum Beispiel einen Cookie oder ein Sandwich nach Wahl zu schenken.
  • Volkswagen: Seit ein paar Jahren wirbt Volkswagen in den USA erstens massiv und zweitens mit überragenden Kampagnen. Ich denke da nur an die mehrere Jahre übergreifende Star Wars Thematik. Auf Facebook kann man sich den neusten Spot anschauen und – das wars.

Keine dieser Fanseiten bettelt übrigens so lächerlich um einen Like wie das gefühlte 99% der unprofessionelleren Seiten es tun. Sehr angenehm.

Google+ hingegen wird im TV weitestgehend ignoriert. Nur die Teams sind bisher dahinter gekommen, wie gut man das Nutzen kann um zum Beispiel mit Fans in Kontakt zu treten. Nur wenige Wochen nach Start des Google Netzwerks konnte man zum Beispiel mit zwei Spielern der Giants im Hangout sitzen und Fragen stellen. Das gibt es seitdem wöchentlich:

Ich habe mir gerade mal die Google+ Seite vom FC Bayern angeschaut. Da stammt der letzte Beitrag vom 06.12.2011. Ist also etwa sechs Wochen her. In der Winterpause wurde also nichts dafür getan die Fans am Ball zu halten und zu unterhalten? Ok. Vielleicht ist das die Ausnahme. Versuchen wir es bei Dortmund: Letzter Beitrag stammt vom 21.11.2011. Soll das nun heißen, dass drei Wochen keinerlei Spiele oder wichtigen Neuigkeiten von den Vereinen gibt? Gut, der 17 Mio. € Transfer von Marco Reus zu Dortmund zum Beispiel ist hier natürlich auch keine Nachricht wert.

Ich bin der Meinung, dass wir da einiges an Nachholbedarf haben. Deshalb empfehle ich jedem, dass er mal in die Spiele reinschaut. Man lernt da einiges über Customer Relations, Marketing und Innovation. Von 3-4 Stunden wird sowieso nur eine, wirklich gespielt. Der Rest ist Werbung – und trotzdem unterhaltsam. Die haben verstanden, wie das geht 🙂

Verfasst von Ferdinand v. Seggern