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Brand Search im B2B richtig steuern: Budget freimachen, ohne Nachfrage zu verlieren

Viele B2B-Unternehmen bewerten ihre Search-Performance zu grob. Das klingt zunächst nach einem Reporting-Detail, hat aber direkte Auswirkungen auf Budgetentscheidungen. 

In meiner Arbeit sehe ich immer wieder: 

  • Brand Search wird gar nicht separat betrachtet oder läuft irgendwo im Gesamtbild mit. 
  • In SEA-Reports steckt sie teilweise in Non-Brand-Kampagnen. 
  • In SEO-Reports steckt sie im organischen Traffic. 
  • Und in Management-Auswertungen wird daraus schnell eine einfache Aussage: Search funktioniert. 

Die spannendere Frage ist aus meiner Sicht aber: Welches Nutzerinteresse wurde wirklich neu erschlossen – und welches Nutzerinteresse war bereits vorher vorhanden? 

Genau an dieser Stelle wird Brand Search im B2B strategisch relevant. Denn viele Suchanfragen nach einer Marke entstehen nicht isoliert. Sie sind oft das Ergebnis vorheriger Touchpoints: LinkedIn Ads, Display-Kampagnen, Sales-Gespräche, Empfehlungen, Messen, Webinare, Fachartikel oder wiederholte Website-Besuche. 

Wenn diese Nutzer später über Google zurückkommen, sieht Brand Search sehr effizient aus. Das kann stimmen. Es kann aber auch dazu führen, dass Unternehmen bereits vorhandenes Nutzerinteresse zu stark bezahlen und zu wenig Budget in echte Neukundenakquise verschieben. 

Brand Search ist oft größer, als viele vermuten

Wir haben uns für diese Fragestellung die organischen Search-Daten von elf unserer B2B-Kunden mit mindestens 10.000 organischen Visits pro Monat angesehen. Darunter sind große mittelständische Unternehmen und internationale Konzerne aus unterschiedlichen Branchen. 

Über alle betrachteten Domains hinweg waren rund 40 Prozent der organischen Search-Klicks eindeutig Brand-Suchanfragen zuordenbar. Diese Werte sind kein allgemeiner Marktbenchmark. Dafür sind die Unternehmen, Branchen und Markenstärken zu unterschiedlich. Genau deshalb würde ich hier auch nicht mit einem einfachen Durchschnitt argumentieren. 

Aussagekräftiger ist die Spannweite: Der eindeutig erkennbare Brand-Anteil lag je nach Domain zwischen rund 9 und 67 Prozent. Das zeigt aus meiner Sicht sehr deutlich, wie unterschiedlich organischer Search-Traffic im B2B zusammengesetzt sein kann. 

Quelle: Google Search Console. Anteil Brand-Search im organischen Traffic-Mix. Auswertung über elf B2B Kunden mit min. 10.000 Klicks pro Monat.

Wichtig ist dabei die methodische Einordnung: Ein Teil der Search-Console-Daten lässt sich auf Query-Ebene nicht eindeutig klassifizieren. Deshalb unterscheiden wir in der Auswertung zwischen Brand Traffic, Non-Brand Traffic und nicht klassifiziertem Traffic. Für die Interpretation ist genau diese Trennung wichtig.

Für dich heißt das: Wenn du nur auf „Organic Traffic gesamt“ schaust, weißt du noch nicht, ob deine SEO-Sichtbarkeit neues Nutzerinteresse erschließt oder vor allem bestehende Markensuchen abholt.

Warum Brand Search Reports verzerren kann

Brand Search kann SEA- und SEO-Reports gleichzeitig verzerren.

Im SEA-Bereich passiert das häufig, wenn Brand-Suchanfragen ungewollt in Non-Brand-Kampagnen einlaufen. Das kann bei Broad Match, Dynamic Search Ads, Performance Max, AI-gestützten Kampagnentypen oder gewachsenen Accountstrukturen passieren.

Die Folge: Non-Brand-Kampagnen sehen effizienter aus, als sie eigentlich sind. CPC und CPL wirken gut, weil ein Teil des Nutzerinteresses nicht neu gewonnen wurde, sondern bereits auf die Marke ausgerichtet war.

Im SEO-Bereich entsteht ein ähnliches Problem. Ein hoher organischer Traffic-Anteil wirkt positiv. Wenn dieser Traffic aber stark durch Brand Search geprägt ist, sagt er wenig darüber aus, ob das Unternehmen auch bei generischen Suchanfragen, Problemstellungen, Produktkategorien oder Entscheidungsfragen sichtbar ist.

Das ist im B2B besonders relevant. Unternehmen mit erklärungsbedürftigen Leistungen brauchen nicht nur Sichtbarkeit am Ende der Journey. Sie müssen auch früher sichtbar sein: bei Problemen, Use Cases, Branchenanforderungen und Lösungsvergleichen.

Brand Search zeigt, dass Nutzerinteresse vorhanden ist. Sie zeigt aber nicht automatisch, wodurch dieses Interesse entstanden ist.

Der Halo-Effekt von Awareness wird oft unterschätzt

Ein Punkt wird in klassischen Performance-Reports häufig zu wenig berücksichtigt: Awareness erzeugt Brand Search.

Wenn eine LinkedIn-Kampagne, ein Webinar, ein Fachartikel oder eine Display-Kampagne funktioniert, führt das nicht immer sofort zu einer Conversion im jeweiligen Kanal. Häufig passiert etwas anderes: Menschen sehen die Marke, erinnern sich später daran und suchen gezielt danach.

Diese Suche taucht dann als Brand Search, Organic Brand oder Direct Traffic auf.

Wenn dieser Effekt nicht mitgedacht wird, entstehen falsche Budgetentscheidungen. Awareness wird unterschätzt, weil sie angeblich zu wenige direkte Leads bringt. Brand Search wird überschätzt, weil dort die späteren Conversions günstig aussehen.

Ich würde deshalb vorsichtig damit sein, Brand Search pauschal als eigenständigen Performance-Erfolg zu interpretieren. In vielen Fällen ist sie eher ein nachgelagertes Wirkungssignal anderer Maßnahmen.

Das macht Brand Search nicht weniger wichtig. Es macht nur die Bewertung anspruchsvoller.

Nicht jede Brand-Suche hat eine Neukundenintention

Im B2B kommt ein weiterer Punkt dazu: Viele Brand-Suchanfragen stammen nicht von potenziellen Neukunden.

Ein Teil kommt von Bestandskunden. Ein Teil von Service-Anliegen. Ein Teil von Bewerberinnen und Bewerbern. Typische Suchmuster sind Marke plus Login, Kundenportal, Support, Telefonnummer, Service, Rechnung, Standort, Karriere oder Bewerbung.

In unserer Auswertung lag der Anteil von Nutzern mit Kundenservice- bzw. Job-Interesse innerhalb der Brand-Suchanfragen je nach Domain zwischen nahezu null und rund 37 Prozent. In einzelnen Fällen war also mehr als ein Drittel der Brand-Suchen nicht klar als Neukundenintention interpretierbar.

Quelle: Google Search Console. Anteil an Kundenservice oder Job-Interesse Suchanfragen innerhalb organischem Brand-Suchanfragen. Auswertung über elf B2B Kunden mit min. 10.000 Klicks pro Monat.

Das ist für die Paid-Brand-Steuerung entscheidend. Wenn solche Suchanfragen über Anzeigen eingekauft werden, entsteht Budgetverbrauch ohne echten Akquisebeitrag. Im Werbekonto kann das trotzdem effizient aussehen, weil Bestandskunden oder Bewerber schnell klicken und interagieren.

Zusätzlich beeinflusst diese Nutzergruppe häufig die Lead-Qualität. Bewerber oder Bestandskunden nutzen nicht selten allgemeine Kontaktformulare, obwohl sie eigentlich ein Service- oder Karriereanliegen haben. Dadurch sinkt die Lead-to-SQL-Rate künstlich, Sales-Teams müssen mehr irrelevante Anfragen bearbeiten und wertvolle Ressourcen werden gebunden.

Gleichzeitig werden die Conversion-Signale verwässert, die KI-basierte Bidding- und Targeting-Algorithmen in Google Ads, LinkedIn oder anderen Lead-Plattformen zur Optimierung nutzen. Das kann langfristig sogar die Qualität der Neukundenakquise verschlechtern.

Für die Geschäftssteuerung ist das deshalb eine andere Qualität als eine neue Anfrage eines potenziellen Kunden.

Paid Brand ist effizient – aber nicht automatisch inkrementell

Paid Brand Search sieht fast immer gut aus. Die Nutzer kennen die Marke bereits. Die Klickwahrscheinlichkeit ist hoch. Die Conversion Rate ist häufig besser als bei generischen Suchanfragen.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Paid Brand inkrementell wirkt, also zusätzlichen Wert erzeugt, der ohne Anzeige nicht entstanden wäre.

Die relevante Frage lautet: Wie viele dieser Kontakte wären ohne Anzeige nicht entstanden?

Wenn ein Nutzer ohnehin nach der Marke sucht und auf das organische Ergebnis geklickt hätte, bezahlt das Unternehmen im Zweifel ein bereits vorhandenes Nutzerinteresse. Wenn dagegen Wettbewerber aggressiv auf die Marke bieten oder die organische Sichtbarkeit schwach ist, kann Paid Brand sehr sinnvoll sein.

Paid Brand hat außerdem eine klare Berechtigung, wenn du bewusst steuern möchtest. Du kannst Nutzer in Echtzeit auf aktuelle Botschaften, Angebote oder Aktionen aufmerksam machen. Du kannst sie auf conversion-optimierte Landingpages führen, statt sie nur über organische Treffer auf allgemeine Seiten einsteigen zu lassen. Und du kannst deine Marke schützen, wenn Wettbewerber über Brand Hijacking versuchen, Nutzer kurz vor der Conversion abzufangen.

Ich halte deshalb wenig von pauschalen Empfehlungen. Paid Brand sollte weder blind abgeschaltet noch dauerhaft maximiert werden. Es braucht eine Steuerungslogik.

Ein einfaches Steuerungsmodell reicht oft aus

Für den Einstieg muss dieses Modell nicht kompliziert sein. Ich würde mit drei Kernkennzahlen arbeiten:

  • Kosten Paid Brand
  • Organic Brand Search CTR
  • Combined Leads aus Paid Brand und Organic Brand

Der entscheidende Punkt ist dabei nicht, Paid Brand möglichst stark zu reduzieren. Ziel ist es, den Bereich zu finden, in dem bezahlte und organische Brand-Sichtbarkeit optimal zusammenspielen.

Wenn Paid-Brand-Budget schrittweise reduziert wird, steigt häufig zunächst die organische CTR, weil weniger Nutzer auf Anzeigen klicken und stattdessen die organischen Treffer nutzen. Der Sweetspot liegt dort, wo die Kosten für Paid Brand bereits deutlich gesunken sind, die organische CTR steigt und die kombinierten Leads noch stabil bleiben.

Genau in diesem Bereich entsteht Effizienzgewinn: Das Unternehmen bezahlt weniger für Nutzerinteresse, das bereits vorhanden ist.

Kritisch wird es erst, wenn weitere Budgetkürzungen dazu führen, dass die kombinierten Leads aus Paid Brand und Organic Brand zurückgehen oder Wettbewerber sichtbar Marktanteile übernehmen. Dann wird nicht mehr nur Budget eingespart, sondern tatsächlich Nachfrage verloren.

Beispiel für Paid Brand Efficiency Report: Wöchentliche Kosten Paid Brand vs. Organische CTR Brand Keywords.

Um das im Blick zu halten, nutzen wir in Kundenprojekten ein spezielles Reporting. Es zeigt, wie viel bezahltes Brand-Budget notwendig ist, damit organische Brand-Sichtbarkeit und Gesamtleistung stabil bleiben.

Die Google-Ads-Metriken Auction Insights und Impression Share auf Brand Keywords können als sekundärer Report geführt werden. Sie beantworten eine andere Frage: Muss die Marke gerade aktiv verteidigt werden, weil Wettbewerber sichtbar Druck machen?

5 Fragen, mit denen du starten kannst

Wenn du das Thema für dein Unternehmen einordnen möchtest, würde ich mit fünf Fragen starten:

  • Wie hoch ist der Brand-Anteil im organischen Search-Traffic?
  • Wie viel Brand Search läuft möglicherweise in Non-Brand-SEA-Kampagnen ein?
  • Wie groß ist der Anteil von Service-, Login-, Portal- oder Job-Suchanfragen innerhalb der Brand Searches?
  • Wie entwickeln sich Paid Brand Kosten, Organic Brand CTR und Combined Leads gemeinsam?
  • Gibt es Wettbewerber, die auf deine Marke bieten und dadurch echte Nutzer kurz vor der Conversion abfangen könnten?

Diese Fragen reichen oft schon, um die Diskussion zu verändern. Aus einer scheinbar einfachen Kanalperformance wird eine strategische Budgetfrage.

Die Antworten darauf sind nicht immer trivial. Aber genau darin liegt der Hebel: Du erkennst besser, welches Nutzerinteresse wirklich neu entsteht, welches bereits vorhanden war und wo Budget in der Brand-Abschöpfung gebunden wird.

Fazit

Brand Search ist im B2B kein Randthema. Sie beeinflusst, wie SEA, SEO, Awareness und Neukundenakquise bewertet werden.

Wenn du Brand Search nicht sauber trennst, laufen mehrere Risiken zusammen: Non-Brand-Kampagnen wirken besser, als sie sind. Organischer Traffic wird überschätzt. Awareness-Effekte werden falsch zugeordnet. Bestandskunden- und Service-Traffic wird als Akquiseleistung gezählt.

Die Lösung ist nicht, Paid Brand pauschal zu reduzieren. Die Lösung ist eine bessere Steuerung.

Brand Search muss sichtbar gemacht werden. Paid und Organic müssen gemeinsam bewertet werden. Service- und Bestandskundenintention sollte getrennt betrachtet werden. Und Paid Brand sollte dort eingesetzt werden, wo sie wirklich schützt, steuert oder zusätzlichen Wert schafft.

Für viele B2B-Unternehmen liegt hier ein relevanter Effizienzhebel. Nicht durch weniger Marketing, sondern durch eine klarere Unterscheidung zwischen bestehendem Nutzerinteresse, neu erschlossenem Nutzerinteresse und echter Neukundenakquise.

Wird dadurch langfristig Budget aus der Nachfrageabschöpfung frei, kann dieses gezielter in die Erschließung neuer Nachfrage und den Ausbau der Non-Brand-Akquise investiert werden.

ADRIAN SIEVERING

Head of Strategy and Innovation